13. März 2017

Herausgefordert: "Das weiß ich von Facebook ...!"

Gemeindereferentin Regina Soot sprach in der Fastenpredigt über den Umgang mit Medien. Die Schriftstelle des Evangeliums nach Johannes, Kapitel 1, Verse 43-51 waren für sie leitend.

Von Regina Soot - Ich weiß nicht, ob Sie’s im November auch in der Zeitung gelesen haben: „Pistenraupe aus Versehen nach Holstein geliefert“ – Statt in den Skiort Seefeld in den Alpen hat ein LKW-Fahrer eine Pistenraupe aufs platte Land in den Oldesloer Ortsteil Seefeld nach Schleswig-Holstein geliefert. „Witzig“, dachte ich mir und schickte den Artikel kurzerhand einem schneebegeisterten Freund nach Süddeutschland, der für solche Anekdoten immer zu haben ist. – Inzwischen aber, hat sich herausgestellt, dass es eine Falschmeldung war, die PR-Aktion einer Werbeagentur aus dem österreichischen Seefeld.

Sicherlich hält sich der direkte Schaden dieser Falschmeldung in Grenzen. Allerdings greift es doch die Frage auf, die Gesellschaft seit einiger Zeit spaltet: Wem können wir glauben?

Die Aussage Donald Trumps über die schrecklichen Vorkommnisse in Schweden und Frankreich erntete vor drei Wochen gewaltige Häme, die vor Allem in den sozialen Netzwerken sehr humorvolle Züge aufwies. Was soll denn passiert sein?

Dass es aber tatsächlich Probleme in einigen Großstadt-Vororten Frankreichs und Schwedens gibt, die vor allem Menschen mit Migrationshintergrund betreffen (die aber schon sehr viel älter sind als die aktuelle Flüchtlingsthematik) – davon bekommen wir hier so gut wie gar nichts mit.
Also doch … Lügenpresse?
Gibt man bei Google-News „Schweden Ausschreitungen“ ein, stellt man fest, dass tatsächlich viele große deutsche Medien darüber berichten … allerdings nicht an erster Stelle, da diese Priorität gerade von andern Themen überdeckt wird.

Unsere Medienwelt, sie ist Fluch und Segen.

Wir haben immense Informationsmöglichkeiten, können in kürzester Zeit über das Internet Bilder, Fakten, Hintergrundwissen und Meinungen zu jedem erdenklichen Thema erhalten.
Über die sozialen Netzwerke wird Wissen gemeinsam zusammengetragen – nicht mehr nur von Profis, so dass viele Gesichtspunkte und Perspektiven einfließen: Das Handyvideo des verzweifelten Familienvaters aus der umkämpften Stadt Aleppo ergänzt die professionelle Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens über die politische Lage.

Somit werden Informationen aber auch unübersichtlich. Inzwischen verdoppelt sich das Weltwissen spätestens alle 5 Jahre.

Verschiedenste Nachrichtenquellen, unterschiedliche Meinungen und Absichten und natürlich auch viel Halbwissen und gezielte Falschmeldungen - was also ist dann noch die Wahrheit?

Was ist wahr? - um diese Frage geht es auch Natanaël, von dem wir in der Schriftlesung gehört haben. Er wird von Philippus angesprochen. Begeistert erzählt er ihm davon, dass sie tatsächlich den Messias gefunden haben: Jesus von Nazareth. „Oje,“ mag Nathanael vielleicht gedacht haben „von wem hat Philippus sich denn da einen Bären aufbinden lassen?“. Für ihn war ziemlich klar, dass aus Nazareth, wo man es nicht ganz so genau mit dem Gesetz nimmt, nie und nimmer einer kommen kann, den Gott seinen Sohn nennt.

„Komm und sieh!“ – so lautete die Antwort des Philippus auf die Zweifel des Natanaël. Bevor du drüber urteilst, komm und sieh es dir an! Komm, setz dich in Bewegung und prüfe es nach!

Und Natanaël – trotz aller Zweifel – machte sich auf den Weg. Natanaël unternahm die Anstrengung, obwohl für ihn doch alles so schön einfach und klar war. Er wusste schließlich, wer die Guten und wer die Bösen waren und hätte doch einfach seine Schlüsse daraus ziehen können.

Das Leben in unserer heutigen Welt ist sehr anstrengend geworden. Es gibt so viele Möglichkeiten und so viele Entscheidungen, die von morgens bis abends getroffen werden müssen.  Für die einen ist das Freiheit und Gestaltungsraum pur. Andere sehnen sich nach den guten alten Zeiten zurück, in denen man noch eher wusste, was zu tun ist. Der Alltag war relativ festgelegt. Es gab verbindlichere soziale Selbstverständlichkeiten und keine tausend Entscheidungen, die zu fällen waren. Am Sonntagmorgen musste man sich nicht überlegen, ob man ein sportliches oder kulturelles Angebot wahrnimmt, die wertvolle knappe Familienzeit beim gemeinsamen Frühstück genießt oder in den Gottesdienst geht. Die Welt war nicht so kompliziert.

Manch einer versucht auch heute diesen Zustand durch einfache Lösungen zu erreichen. Und wir reden hier nicht nur von den Trumps oder Erdogans: Eine klare hermetisch abgeschlossene Position, die sich in keinster Weise durch Gegenargumente gefährden lässt und jederzeit klar hat, wer schuld ist. Das macht die Welt wieder greifbar handhabbar.

Die sozialen Medien sorgen ihrerseits für eine Vereinfachung der Weltsicht. Facebook will seine Mitglieder mit der Vielzahl an Informationen nicht überfordern und nimmt eine sogenannte „relevante Auswahl“ vor. Sprich: Es erscheinen nur noch die Nachrichten, die der Nutzer lesen will. Ein Algorithmus berechnet anhand der angeklickten Nachrichten, welche Äußerungen der Meinung des Nutzers entsprechen. Gegenläufige Meinungen meiner „Freunde“ werden mir überhaupt nicht mehr angezeigt. Beim Leser entsteht dabei der Eindruck, dass die ganze Welt seiner Meinung ist. Alle, die eine andere Meinung haben, gehören zu einer Minderheit.

Von Google und anderen Plattformen wissen wir ebenfalls, dass die Suchergebnisse aufgrund unserer vorherigen Suchen gefiltert werden. Diese Plattformen zeigen uns unsere Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sie uns vorstellen. Für diejenigen, die nur über die sozialen Netzwerke ihre Informationen beziehen, entscheidet das Programm, was relevant ist. Das ist Problematisch, denn wenn wir keine Gegenposition mehr lesen, verlernen wir auch immer mehr, eine andere Perspektive nachzuvollziehen.

Auch wenn sich die großen und öffentlichen Qualitätsmedien in ihrer Auswahl nicht nach dem Publikum richten, filtern sie eine Vielzahl von Nachrichten aus. Sie haben das Recht, aber auch die Pflicht zur Selektion, um den Konsumenten umfassend zu informieren, ihn dabei aber nicht zu überfordern. Der Maßstab hierbei ist allerdings nicht die Meinung des Nutzers. Diese Medien haben sich einer Neutralität verschrieben, wenngleich das auch nicht immer gelingt.

Im Schrifttext haben wir gehört, wie Natanaël sich darauf eingelassen hat, Jesus kennenzulernen. Er hat sich die Mühe gemacht, ihm zu begegnen und zu schauen, ob Philippus nicht vielleicht doch Recht hat. Er war bereit, einmal die Perspektive zu wechseln und dem Mann aus Nazareth eine Chance zu geben.

Und Jesus erkennt dieses ehrliche Bemühen an. Er hat gleich erkannt, dass Natanaël ein „echter“ Israelit ist, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt. Und er kann ihn überzeugen. Natanaël erkennt die Wahrheit: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel“

Die Wahrheit erkennen und keine falschen Wahrheiten in der Welt verbreiten – das ist christlicher Auftrag unserer Verkündigung. Wir sind verantwortlich für Nachrichten die wir weitergeben.

Das „Komm und sieh!“ gilt auch uns. Und das Kommen steht mit Bewegung in Verbindung. Es kostet etwas Mühe, Fakten von Meinungen zu unterscheiden, Plakative Aussagen nochmal über andere Quellen zu überprüfen, Vorurteile abzulegen. Und es ist auch nicht immer so einfach, einmal die Perspektive zu wechseln und eine andere Sichtweise auszuprobieren, für andere Meinungen offen zu bleiben und in einen echten Dialog zu treten.

Aber wenn wir diese Anstrengungen unternehmen – „kommen und sehen“ – dann kann es uns vielleicht auch gelingen, fest betonierte Mauern im Denken zu sprengen und auf einmal zu entdecken, dass aus Nazareth doch etwas Gutes kommen kann.


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