02. Juni 2018

In Zukunft braucht es mehr Begegnungen

Bei der Demonstration am Achtermannkreisel macht Pfarrer Dirk Jenssen Mut, sich deutlich gegen rassistischen Aussagen zu positionieren, den Mund zu öffnen und Dinge anzusprechen, die nicht in Ordnung sind.

Von Marco Koch - Nach Medienberichten waren es etwa 3000 Demonstrantinnen und Demonstranten, die am Samstag deutlich machten, dass sie für eine bunte Gesellschaft in Deutschland und in ihrer Stadt Goslar stehen.

Für ungefähr 80 von ihnen hatte der Tag mit einem "Stärkungsgebet" in der St.-Jakobi-Kirche begonnen, das unter dem Thema "Zukunft hat der Mensch des Friedens" (Ps 37,37) stand. Gemeinsam ging es dann zum Achtermannkreisel, von wo aus sich die Demonstrierenden gegen 10.30 Uhr auf den Weg durch die Goslarer Altstadt machten und wo die abschließende Kundgebung stattfand, auf der auch der leitende Pfarrer der Katholischen Kirche Nordharz, Dirk Jenssen, sprach. In seiner Rede ging es um persönliche Erfahrungen und darum, wie ganz persönliche Begegnungen genutzt werden können. Sein Fazit: "Unser Hiersein verändert die Welt. Unser Verhalten ändert die Welt. Ich bin stolz auf alle, die sich nicht verstecken, sondern mit an einer bunten Gesellschaft bauen. Wir Christen, auch wir katholischen Christen wollen dazu unseren Beitrag leisten."

Einige Fotos von der Demonstration können Sie sich hier anschauen.

Die Rede von Pfarrer Dirk Jenssen im Wortlaut

Normalerweise findet man mich nicht auf Demos, aber heute muss ich hier sein, um Farbe zu bekennen. Es ist schön mit so einer großen Gruppe hier zu sein, um deutlich zu machen, dass wir jede Form von Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und auch das Überhöhen der eigenen Nation ablehnen. Unsere Gruppe muss noch viel größer werden.

Andererseits weiß ich, wer auf der anderen Seite der Schienen steht. Diskutieren ist da heute nicht möglich. Bei einem Aufmarsch der Rechtsradikalen, da kommt eher Angst und Beklemmung bei mir auf. Ich habe selbst vor einigen Jahren bei mir schon ganz praktisch geradezu körperlich erlebt, wie rechte Kräfte eine kirchliche Veranstaltung gestört haben und ich das Hausrecht ausüben musste und sie des Hauses verwies. Angst und Zittern war in mir und doch war ich froh, dass ich reagieren konnte.

Als Christ spüre ich auch, dass ich klarer werden muss: Ein Beispiel dieser Tage: Ein ältere Frau ruft mich an, im Gespräch kommt sie plötzlich dazu, dass sie sich die eigentliche Hitlerzeit zurückwünscht, wo alles besser war. Einerseits kann ich ihre Verunsicherung verstehen, aber natürlich habe ich ihr widersprochen. Wir müssen aufstehen gegen eine Verharmlosung rechter Gewalt und rechter Sprache, die andere verunglimpft, die anders sind als wir selbst. Als Christen können wir nicht nur auf die eigene Nation stieren, weil wir das ganze Haus der Schöpfung im Blick haben. Wie sollen die Probleme von morgen gelöst werden, wenn sie nicht im größeren Zusammenhang gesehen werden. Natürlich bin ich Weltbürger, Europäer und dann auch Deutscher, aber eben nicht abgetrennt von meinen Brüdern und Schwestern, die zufällig andere Haare haben oder andere Sprachen sprechen.

Ich möchte nicht in einem Staat leben, wo Menschen fortwährend beschimpft und eingeschüchtert werden, weil sie sich für andere einsetzen. Die schweigende Mehrheitsgesellschaft braucht Argumente dafür, dass eine Verharmlosung von rechtsradikalen Straftaten nicht geht.

Wenn der Mensch die Summe seiner Begegnungen ist, dann braucht es in Zukunft mehr Begegnungen mit Menschen, die du noch nicht kennst. Aber es braucht auch den Mut gerade Menschen, die verdeckt rassistisch sind, anzusprechen und ihnen zu widersprechen. Allein aus der Seelsorge weiß ich, dass es wichtig ist den Mund zu öffnen und Dinge anzusprechen, die nicht in Ordnung sind. Biblisch heißt das: "Die Wahrheit wird euch frei machen".

Die Wahrheit, die ich heute aussprechen möchte ist: Wir gehören zu einer Menschheitsfamilie. Jetzt kann natürlich jemand kommen und sagen: "Du katholischer Pfarrer halte dich mal daraus, du bist nur für Religiöses zuständig! Ja, das stimmt: Religionen regeln das Verhältnis des einzelnen zu Gott, aber auch das der Menschen untereinander!

Deshalb haben gerade wir Christen, die Aufgabe eines Pontifex, das heißt eines Brückenbauers. Brücken zu bauen untereinander, damit Menschen nicht nur hohle Parolen gröhlen, sondern einander als Menschen sehen. Im Pulk werden wir die rechtsradikalen Kräfte nicht überzeugen, aber in kleiner Kernerarbeit, wo wir Leute anfragen, warum sie sich so äußern, können wir Leute zum Denken bringen. Insofern hat jeder von uns die Chance die Welt zu verändern, vielleicht auch mal einen Menschen, der gedankenlos irgendeine Parole gerufen hat.

Unser Hiersein verändert die Welt. Unser Verhalten ändert die Welt. Ich bin stolz auf alle, die sich nicht verstecken, sondern mit an einer bunten Gesellschaft bauen. Wir Christen, auch wir katholischen Christen wollen dazu unseren Beitrag leisten.

 

 


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