12. März 2018

Wer ist wirklich sozial schwach?

In seiner Fastenpredigt im St. Jakobushaus machte Dr. Hans-Jürgen Marcus sensibel für den Umgang mit dieser Redewendung.

Von Pfarrer Dirk Jenssen - Wer ist sozial schwach? In einem sprachlich spannenden Vortrag machte Dr. Hans-Jürgen Marcus die Zuhörer und Zuhörerinnen sensibel für den Ausdruck "sozial schwach". Viele benutzen diesen Ausdruck viel zu leichtfertig und diskriminierend. Dr. Marcus, weiß wovon er spricht. Er war bis vor kurzem noch Caritasdirektor des Bistums Hildesheim, ist Soziologe und gibt auch in seiner jetzigen Anstellung beim Bistum Hildesheim viele Impulse für eine andere Art von Gesellschaft, die wir als Christen bauen können.

Klimawandel in der Gesellschaft - zwischen Komplexität und einfachen Antworten (zu Psalm 34)

Die Fastenpredigt von Dr. Hans-Jürgen Marcus am 4. Fastensonntag 2018 zum Nachlesen

Liebe Schwestern und Brüder,

Immer wieder werden Menschen, die über geringe finanzielle Ressourcen verfügen als "sozial schwach" bezeichnet. Menschen, die wenig Geld haben, die mit wenig materiellen Ressourcen auskommen müssen, die arm sind - diese Menschen sind genau das, aber sie sind dadurch doch nicht sozial schwach. Überall und immer wieder findet sich dieses Wort von den sozial Schwachen. Bis in die Mitte unserer hoch ritualisierten Talkshows hinein, hört man diese Bezeichnung. Der Medienstar der Philosophen Richard David Precht gebraucht die Bezeichnung "sozial schwach" in seinen Büchern genauso unbekümmert wie Politikerinnen und Politiker oder Kirchenleute.

Ich frage: Wer ist eigentlich in unserer Gesellschaft sozial schwach? Sind es die Alleinerziehenden, die zur Armutsbevölkerung gehören und sich oft die Ausgaben für die Bildung ihrer Kinder vom Mund absparen? Sind diese Mütter etwa sozial schwach? Sind es die Menschen, die aufgrund von Handicaps keine wirkliche Chance auf dem Arbeitsmarkt haben und die redlich versuchen über die Runden zu kommen? Oder sind sozial schwach diejenigen, die sich nicht berühren lassen von fremder Not und keinen Blick für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Solidarität haben? Oder ist es vielleicht der Sozialstaat selber, der sich bei aller Wertschätzung für seine Errungenschaften in einigen Bereichen zunehmend in seiner sozialen Schwachheit präsentiert?

Liebe Schwestern und Brüder, wenn es um Armut, um Solidarität und um gesellschaftlichen Zusammenhalt geht, sollten wir auf die Sprache achten. Dabei ist das Wort von den "sozial Schwachen" nur ein Beispiel: früher nannte man die Menschen "asozial" - und auch dieser Begriff ist heute noch zu hören -, die Grundsicherungsempfänger werden immer wieder als Schmarotzer diskriminiert und die entwurzelten und entheimateten Geflüchteten "überschwemmen in Strömen unser Land". Die Arbeitslosen werden als "Parasiten" bezeichnet und die Erhöhung der Regelsätze wird als "Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie" diskreditiert. Die Armen werden unter Generalverdacht gestellt, Faulpelze und Betrüger zu sein. Man unterstellt ihnen gern, sich wohlzufühlen in der sozialen Hängematte. Ich bin sicher, Sie könnten weitere Beispiele aus Ihrem Umfeld hinzufügen. Vielleicht ist es besser, die Beispiele nicht alle hören zu müssen. Ich bin überzeugt: Wir müssen in Deutschland lernen, mit mehr Respekt von den Armen und über Armut und soziale Ausgrenzung zu reden.

"Bewahre deine Zunge vor Bösem; deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu das Gute, suche Frieden und jage ihm nach," so haben wir eben im 34. Psalm gebetet.

Liebe Schwestern und Brüder, zum Thema Klimawandel in der Gesellschaft gäbe es viel zu sagen: über die wachsende Spaltung zwischen arm und reich in unserer Gesellschaft, über 21 % der Kinder und Jugendlichen, die in unserer Gesellschaft armutsgefährdet sind, über den Verlust von Teilhabemöglichkeiten armer Menschen in der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt oder im Blick auf Wohnungen, über die Gefahr wachsender Altersarmut, über den Skandal des Umgangs mit dem Familiennachzug uvm. Da können wir Christinnen und Christen, und das ist meine tiefe Überzeugung, uns nicht raushalten. All diese sozialpolitischen Themen gehören in die kirchliche Mitte und sind nicht an die Caritas oder einige Expertinnen und Experten zu delegieren. Kürzlich hat eine Studie der Bertelsmann- Stiftung noch einmal herausgestellt, wie wichtig gesellschaftlicher Zusammenhalt auch für den ökonomischen Erfolg einer Gesellschaft ist. Gefährdet wird der soziale Zusammenhalt dort, wo viele Arme, von Armut gefährdete und arbeitslose Menschen leben. Begünstigt wird der soziale Zusammenhalt, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Kultur schon länger miteinander leben. Viele solche sozialpolitische Themen müssten wir hier berücksichtigen. Ich möchte mich dennoch auf ein Thema beschränken, das Sie vielleicht verwundern wird: auf unsere Sprache und auf unser Sprechen!

Ein wichtiger Weg, wie eine Gesellschaft zusammenwachsen kann, ist die Sprache. Ob wir eine ausgrenzende, diffamierende, kalte und mechanistische Sprache sprechen oder eine inklusive, versöhnende, leidempfindliche und ermutigende Sprache - das ist alles andere als belanglos. Ob wir uns am Schlechtreden der Anderen beteiligen oder unsere Anliegen offensiv und positiv vertreten. Ob wir zur Versachlichung von Debatten beitragen oder dem "Katastrophenjargon" Aufwind verleihen, der aus meiner Sicht keine Alternative für Deutschland ist, das ist ein zentraler Klimafaktor! Der bekannte österreichische Psychologe Paul Watzlawik hat das bekannte Wort geprägt "Wir können nicht nicht kommunizieren." Menschliches Leben ist ständige Kommunikation. Wir wissen um die tiefen Erfahrungen, die wir in einem guten Gespräch machen können. Die Erfahrung von Verstanden-werden, von Vertrauen, von Anerkennung, von Nähe und Geborgenheit. Wir kennen aber auch die Verletzungsgefahr, die im Gerede über andere Menschen steckt.

Die Kirchenväter sprechen davon, dass wir mit unserer Sprache ein Haus bauen. Wir sollen ein Haus bauen, in dem sich Menschen wohlfühlen, in dem sie sein dürfen, wie sie sind, in dem sie keine Angst haben müssen. Wir sollen ein Haus bauen, in dem Mitgefühl, Liebe und Respekt zu Hause sind. Wir sollen ein Haus bauen, in dem zum Zusammenhalt und zur Solidarität ermutigt wird. Ob wir glauben, liebe Schwestern und Brüder, das hängt nicht von frommen Worten ab, sondern von der Art und Weise, wie wir mit und insbesondere über Menschen sprechen.

Als Christinnen und Christen sind wir gehalten, uns in unserer Sprache auf den zu beziehen, nach dem wir uns benennen. Wenn wir die Evangelien lesen, dann kann man wohl sagen, dass Jesus eine wärmende und nicht ausgrenzende Sprache spricht - eine Sprache, die zu Herzen geht. "Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss" heißt es bei den Emmausjüngern in Lk 24,32 und dem Sünder Zachäus, der auf dem Baum sitzt, sagt Jesus "Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein". (Lk 19,5). Es reicht nicht aus, dass wir Christinnen und Christen fromme Worte sprechen. Hinter frommen Worten muss sich eine innere Haltung zeigen. Wir können durchaus fromme Worte sprechen und hinter diesen zeigen sich Menschenverachtung, Geltungssucht und Abwertung der Anderen. Oder, obwohl die Worte schön sind, hören wir Zerrissenheit, Entmutigung und Kälte heraus. Die Menschen spüren genau, ob wir in die Gesellschaft hinein eine milde, respektvolle und zu Herzen gehende Sprache sprechen oder ob wir uns hinter religiösen Floskeln verstecken. Welche Sprache spreche ich in meiner Familie, in meinem Betrieb, in den Gemeinschaften, in denen ich mit lebe, in meiner Kirchengemeinde? Bin ich, sind wir bereit bei Jesus in die Sprachschule zu gehen?

"Bewahre deine Zunge vor Bösem; deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu das Gute, suche Frieden und jage ihm nach," so haben wir eben im 34. Psalm gebetet.

Wenn wir bereit sind, bei Jesus in die Sprachschule zu gehen, dann ändert sich unser Sprechen über die Menschen, insbesondere entwickeln wir eine hohe Sensibilität in unserem Sprechen über die Menschen am Rande. So wie wir es im Psalm gebetet haben "die Armen sollen es hören und sich freuen". "Die aufschrien hat der Herr erhört, er hat sie all ihren Nöten entrissen". Für Gott sind die Armen die Elite, seine Auserwählten. In der jüdischen Tradition sind die Armen darum der Weg des Menschen zu Gott und darum hoch angesehen. Die Erbarmenstexte Israels erzählen von dieser Tradition genauso wie die Psalmen, die Gott als Retter der Fremden und Kleinen besingen. In diese Tradition gehören die Propheten, die die Ausbeutung und Unterdrückung als gottlos bezeichnen und in diese Tradition gehört auch Jesus, der die Armen seligpreist.

Wenn wir bereit sind, bei Jesus in die Sprachschule zu gehen, dann beteiligen wir uns nicht am oberflächlichen Gerede. Wir haben es nicht nötig, uns auf Kosten der Armen und Kleinen zu profilieren. Wir stehen vielmehr an ihrer Seite und leihen ihnen, wenn es nötig ist, unsere Stimme.

Wenn wir bereit sind, bei Jesus in die Sprachschule zu gehen, dann lernen wir, was prophetische Rede ist. Jesus steht ganz in der Tradition der jüdischen Propheten, die öffentlich Protest einlegen gegen das Hurra-Geschrei blinder Königsanhänger und die ihre Stimme erheben für die Entrechteten und an den Rand Gedrängten. Im Wort "Protest" steckt das Wort "testari", das heißt: "öffentlich als Zeuge auftreten" und "etwas öffentlich aussagen". Im wirklichen Protest geht es nicht um das Sprechen gegen jemanden oder um die Herabsetzung des Anderen, es geht um das Zeugnis für jemanden und für die gute Sache. Haben Sie mitbekommen, dass der Begriff "Gutmensch" seit dem Jahr 2016 zunehmend abwertend gebraucht wird. Man versucht damit die tausenden von Menschen als naiv und schräg motiviert zu diffamieren, die auf die Bahnhöfe gegangen sind und die Flüchtlinge willkommen geheißen haben und ihnen auch weiterhin zur Seite standen. Für mich war diese Erfahrung zivilgesellschaftlichen Engagements das größere der beiden Sommermärchen in der jüngeren bundesdeutschen Geschichte. Und, es ist gut, dass es so viele "Gutmenschen" gab und gibt. Wir sollten uns an ihre Seite stellen. Für uns Christinnen und Christen ist es stets die Frage, für wen wir eintreten und für wen wir Zeugnis ablegen.

Wenn wir bereit sind, bei Jesus in die Sprachschule zu gehen, dann sind wir in der Lage, die Rede von der "Rettung des christlichen Abendlandes" zu entlarven. Es sind doch gerade jene, die nichts zu tun haben wollen mit den christlichen Werten von Nächstenliebe und Gastfreundschaft, die sich angeblich um diese Werte so sehr sorgen. Hören Sie sich die Sprache der AfD genau an. Das ist eine Sprache, die nichts davon wissen will, dass die Bibel ein Buch für die Solidarität mit den Geringsten und für den Schutz der Fremden ist. Hier wird das christliche Abendland verraten und nicht gerettet.

Wenn wir bereit sind, bei Jesus in die Sprachschule zu gehen, dann werden wir Christinnen und Christen zu sorgsamen Wächtern der Sprache. Wir bemühen uns um eine inklusive und solidarische Sprache. Wir beteiligen uns nicht an ausgrenzender und diffamierender Sprache. Wir widersprechen, wenn Menschen des öffentlichen Lebens sich das Recht herausnehmen, das gesellschaftliche Klima durch ihre Sprache zu vergiften. Als Christen sind wir Klimaschützer! Auch im Bereich des gesellschaftlichen Klimas.

Wenn wir bereit sind, bei Jesus in die Sprachschule zu gehen, dann kennen wir den Zusammenhang von Sprache und Segen. "Bendedicere", das heißt segnen. Wörtlich übersetzt heißt es aber auch "Gute Worte sagen". Wo gute Worte gesagt werden, wo gut über Menschen gesprochen wird, da ist der Segen Gottes.

"Bewahre deine Zunge vor Bösem; deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu das Gute, suche Frieden und jage ihm nach," so haben wir eben im 34. Psalm gebetet.

Jesus Christus

Mit Dir will ich aufstehen
Gegen Not und Tod
Gegen Folter und Leiden
Gegen Armut und Elend
Gegen Hass und Terror
Gegen Zweifel und Resignation
Gegen Unterdrückung und Zwang

Mit Dir will ich aufstehen
Gegen alles, was das Leben hindert
Mit Dir will ich einstehen
Für alles, was das Leben fördert
Sei Du mit mir
Damit ich aufstehe mit Dir

 

 


Kunst│Raum│Kirche│2018 - "Spirituelle Neubauten und Kunst ab 2000“

Segeltörn 2018

Aktionstag "Um Himmels willen"

Präventionsschulung

Facebook