08. Mai 2026

Befreit: Immer wieder 40 Jahre

Über Zusammenhänge zwischen dem Exodus des Volkes Israel und dem Gedenktag der Befreiung vom Nationalsozialismus macht Gemeindereferent Marco Koch sich Gedanken in seinem Wort zum Sonntag.

Vier Bücher braucht die Bibel, um von der Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten und ihrem Weg in das Gelobte Land zu erzählen. 40 Jahre lang sollen die Israeliten demnach gebraucht haben, um von Ägypten „in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen“ – wie es im Buch Exodus heißt – zu kommen.

Auf diesem Weg geschieht so einiges: Kaum ist das Volk Israel frei, beschweren sich die Leute schon, dass das Essen in Ägypten besser war als auf der Wanderung und dass Gott nicht gut für sie sorgt. Weil sie lange warten müssen und überhaupt alles viel zu lange dauert – Mose ist gerade 40 Tage und Nächte auf dem Berg Sinai, wo er von Gott die „10 Gebote“ empfängt – gießen sie das Goldene Kalb als ihren neuen Gott. Und so richtig ungerecht wird es, als Mose, der sie die ganze Zeit geführt hat, am Ende das Gelobte Land zwar sehen, aber nicht mehr betreten darf. Er stirbt, als Gott ihm das Land zeigt.

Die biblische Erzählung von der Befreiung des Volkes Israel macht deutlich, dass der Einzug ins Gelobte Land und die damit verbundene Freiheit nicht zeitgleich mit der äußerlichen Befreiung geschieht. Erst die Erlebnisse und Erfahrungen auf dem Weg eröffnen die Möglichkeit, das Alte hinter sich zu lassen und einem neuen Verständnis von Freiheit und Miteinander Raum zu geben. Die neugewonnene Freiheit feiert das Volk Israel bis heute am Pessachfest. Jede und jeder soll sich dabei so fühlen, als wäre er selbst aus Ägypten gezogen und befreit worden.

Bei uns hat es auch 40 Jahre gedauert, bis das Wort „Befreiung“ für das Ende der Naziherrschaft verwendet wurde. In seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes sprach der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker vom 8. Mai als „Tag der Befreiung“. Mit seinen Worten hat er versucht, alte Sichtweisen hinter sich zu lassen, um Raum für ein neues Verständnis zu schaffen. Damals hat die Rede viel Aufmerksamkeit hervorgerufen. Und heute, noch einmal 41 Jahre später?

Vielleicht wäre es hilfreich, den 8. Mai, den „Tag des Sieges über den deutschen Faschismus“, wie die Journalistin Anastasia Tikhomirova diesen Tag genannt hat, ebenfalls so zu begehen, als wäre jede und jeder selbst vom Faschismus befreit worden. Und nicht nur das, sondern auch, als wäre jede und jeder selbst dazu befreit worden, in der Freiheit des Gelobten Landes zu leben und diese geschenkte Freiheit zu bewahren.

Marco Koch, Gemeindereferent in der Katholischen Kirche Nordharz

Foto: http://megapixel.click - betexion - photos for free auf Pixabay


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Vier Bücher braucht die Bibel, um von der Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten und ihrem Weg in das Gelobte Land zu erzählen. 40 Jahre lang sollen die Israeliten demnach gebraucht haben, um von Ägypten „in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen“ – wie es im Buch Exodus heißt – zu kommen.

Auf diesem Weg geschieht so einiges: Kaum ist das Volk Israel frei, beschweren sich die Leute schon, dass das Essen in Ägypten besser war als auf der Wanderung und dass Gott nicht gut für sie sorgt. Weil sie lange warten müssen und überhaupt alles viel zu lange dauert – Mose ist gerade 40 Tage und Nächte auf dem Berg Sinai, wo er von Gott die „10 Gebote“ empfängt – gießen sie das Goldene Kalb als ihren neuen Gott. Und so richtig ungerecht wird es, als Mose, der sie die ganze Zeit geführt hat, am Ende das Gelobte Land zwar sehen, aber nicht mehr betreten darf. Er stirbt, als Gott ihm das Land zeigt.

Die biblische Erzählung von der Befreiung des Volkes Israel macht deutlich, dass der Einzug ins Gelobte Land und die damit verbundene Freiheit nicht zeitgleich mit der äußerlichen Befreiung geschieht. Erst die Erlebnisse und Erfahrungen auf dem Weg eröffnen die Möglichkeit, das Alte hinter sich zu lassen und einem neuen Verständnis von Freiheit und Miteinander Raum zu geben. Die neugewonnene Freiheit feiert das Volk Israel bis heute am Pessachfest. Jede und jeder soll sich dabei so fühlen, als wäre er selbst aus Ägypten gezogen und befreit worden.

Bei uns hat es auch 40 Jahre gedauert, bis das Wort „Befreiung“ für das Ende der Naziherrschaft verwendet wurde. In seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes sprach der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker vom 8. Mai als „Tag der Befreiung“. Mit seinen Worten hat er versucht, alte Sichtweisen hinter sich zu lassen, um Raum für ein neues Verständnis zu schaffen. Damals hat die Rede viel Aufmerksamkeit hervorgerufen. Und heute, noch einmal 41 Jahre später?

Vielleicht wäre es hilfreich, den 8. Mai, den „Tag des Sieges über den deutschen Faschismus“, wie die Journalistin Anastasia Tikhomirova diesen Tag genannt hat, ebenfalls so zu begehen, als wäre jede und jeder selbst vom Faschismus befreit worden. Und nicht nur das, sondern auch, als wäre jede und jeder selbst dazu befreit worden, in der Freiheit des Gelobten Landes zu leben und diese geschenkte Freiheit zu bewahren.

Marco Koch, Gemeindereferent in der Katholischen Kirche Nordharz

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