17. Oktober 2020

Nächster werden

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter steht im Mittelpunkt der neuen Enzyklika von Papst Franziskus. Gemeindereferent Marco Koch hat sich für sein Wort zum Sonntag damit beschäftigt.

Foto: pixabay.com

Anfang Oktober hat Papst Franziskus seine dritte Enzyklika veröffentlicht. Sie trägt den Titel "Fratelli tutti - Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft". Eine Enzyklika ist ein Lehrschreiben des Papstes, in dem er sich zu grundlegenden theologischen und gesellschaftlichen Themen äußert. Waren früher Bischöfe Adressaten von Enzykliken, sind es heute "alle Menschen guten Willens".

"Fratelli tutti" ist echt lang und - ganz ehrlich - bis jetzt habe ich den Text nur quergelesen. Trotzdem haben mich ein paar Gedanken gleich aufmerken lassen: In den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt Papst Franziskus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Evangelium nach Lukas, Kapitel 10, 25 - 37). Darin erzählt Jesus von einem Mann, der von Räubern überfallen und am Wegesrand zurückgelassen wird. Verschiedene Menschen - wichtige Menschen, religiös geprägte Menschen - kommen an ihm vorbei, bleiben aber nicht einmal stehen. Und dann kommt ein Mann aus Samarien - einer der eigentlich nicht dazu gehört - kümmert sich um den Verletzten, schenkt ihm Nähe, ja, am Ende zahlt er sogar noch für die weitere Pflege. Ohne den Mann zu kennen, hat der Samariter seine eigenen Planungen über den Haufen geworfen und dem Hilfebedürftigen seine Zeit geschenkt.

Die Frage - "Wer ist mein Nächster?" - die Jesus dazu bewogen hat, dieses Gleichnis zu erzählen, wird von ihm nicht einfach beantwortet, sondern am Ende stellt er eine Art Gegenfrage: "Wer ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde?"

Auf ganz unterschiedliche Weise begegnen auch mir tagein tagaus Verletzte und jedes Mal stellen sich die gleichen Fragen: Stößt das Leid, das ich wahrnehme, bei mir etwas an oder gehe ich gleichgültig daran vorbei? Wende ich mich dem Leidenden zu oder erwarte ich, dass das von anderen organisiert wird, die möglicherweise beruflich dafür zuständig sind? Begegne ich dem Verletzten auf Augenhöhe oder ist er für mich ein Almosenempfänger? Ist es von Bedeutung für mich, aus welchen Kreisen der Verletzte kommt, ob er der gleichen Gruppe angehört wie ich oder die gleiche Nationalität hat? Spielt es für meinen Einsatz eine Rolle, ob ich Dank, vielleicht sogar Gewinn, für meine Hilfe erwarten kann? Alle diese Fragen münden in der Frage Jesu an mich: Werde ich dem Menschen, dem ich gerade begegne, zum Nächsten?

Auf dem Hintergrund, dass die unveräußerliche Würde jedes Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion für ihn das höchste Gesetz der geschwisterlichen Liebe ist, sieht Papst Franziskus es so, dass jede Begegnung eine neue Möglichkeit ist, Nächster zu werden. "Heute", so schreibt er, "haben wir die großartige Gelegenheit, unsere Geschwisterlichkeit zum Ausdruck zu bringen [...] Wie der zufällig vorbeikommende Reisende unserer Geschichte müssen wir nur den uneigennützigen Wunsch haben, [...] uns beständig und unermüdlich dafür einzusetzen, dass alle miteinbezogen und integriert werden und, wer gefallen ist, wieder aufgerichtet wird".

Ich möchte versuchen, diese Gelegenheit zu nutzen.

Marco Koch


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