10. März 2020

Persönliche Grenzen sind nicht sichtbar

Die zweite Fastenpredigt in diesem Jahr hielt Stefan Bolde-Müller. Sein Thema: Grenzen.
Von Marco Koch - November 1989: Plötzlich war die innerdeutsche Grenze offen, Menschen lagen sich in den Armen, die sich nie zuvor gesehen hatten, Familien wurden wieder vereint und Orte konnten besucht werden, die ein paar Tage vorher noch unerreichbar schienen. Darf es inmitten dieser Glücksgefühle eine andere Sichtweise geben? Stefan Bolde-Müller ist in der Nähe der Grenze aufgewachsen. In seiner Fastenpredigt erzählt er davon, wie er gemeinsam mit anderen Jugendlichen, die in seiner Heimatgemeinde aktiv waren, nach der Christmette zusammensaß und sie gemeinsam überlegten, wie die Grenze wieder aufgebaut werden könnte. Die Jugendlichen hatten die Erfahrung gemacht, dass die Innenstädte voll und die Regale in den Geschäften leer waren. "Wildfremde Menschen stellten Ansprüche, die meinen persönlichen Lebenswandel betrafen", erinnert sich Stefan Bolde-Müller. Damals wurde ihm deutlich, wie wichtig der Umgang mit persönlichen Grenzen ist, denn sie "geben uns Sicherheit und Geborgenheit. Jeder Mensch braucht diesen Intimbereich." Und: "Jeder Mensch [...] hat ein Recht auf die Unversehrtheit dieses Bereiches". Da die persönlichen Grenzen nicht sichtbar sind, seien sie auch sehr individuell ausgeprägt. Das, was jemand als Grenzverletzung empfindet, ist für jemand anders ganz normal. Stefan Bolde-Müller brachte diesen Gedanken in Zusammenhang mit der Ausstellung "Augen auf!". Bei der Station "Übergriffig oder nicht?" werden Situationen beschrieben und die Betrachter sind eingeladen, eine persönliche Wertung abzugeben. "Keine der Situationen wurde von den Besuchern eindeutig als Grenzverletzung oder nicht eingeordnet. Daher ist es wichtig, dass wir uns sensibilisieren, dass wir achtsam miteinander umgehen und unser Gegenüber mit seinen Ängsten ernstnehmen." Immer wieder würden persönliche Grenzen verletzt, stellte Stefan Bolde-Müller fest. Oft geschehe das aus Unachtsamkeit, ohne böse Absicht, aber immer wieder erfolgten diese Grenzverletzungen auch bewusst mit dem Ziel, Menschen zu verletzen, zu erniedrigen. "Es geht darum Macht über andere auszuüben. Dies passierte in der Vergangenheit und passiert immer noch in allen Teilen der Gesellschaft. In der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, dem Verein und leider auch in der Kirche." Die gemeinsame Aufgabe aller, die sich in und für Kirche engagieren, sieht Stefan Bolde-Müller in der Unterstützung von Menschen, die das erleiden mussten und müssen: "So ist es unsere Aufgabe für diese Menschen da zu sein, sie in ihrer Angst ernst zu nehmen und dort wo es uns möglich ist, ihnen zu helfen, ihre persönlichen Grenzen wieder aufzubauen. [...] Denn nur wenn unsere persönlichen Grenzen gewahrt bleiben, wenn unser Freiraum respektiert wird und wir angstfrei leben können, sind wir in der Lage gesellschaftliche Grenzen zu überwinden. Nur dann können wir das hervorheben was uns verbindet und gemeinsam unseren Glauben leben." Am Ende seiner Fastenpredigt kam Stefan Bolde-Müller noch einmal auf Weihnachten 1989 zurück und erzählte, dass die damaligen Jugendlichen natürlich nicht in einer "Nacht-und-Nebel-Aktion" die Grenze dicht gemacht hätten. Vielmehr sei das gegenseitige Verständnis gewachsen und mit der Zeit seien sogar Freundschaften entstanden.

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Von Marco Koch - November 1989: Plötzlich war die innerdeutsche Grenze offen, Menschen lagen sich in den Armen, die sich nie zuvor gesehen hatten, Familien wurden wieder vereint und Orte konnten besucht werden, die ein paar Tage vorher noch unerreichbar schienen. Darf es inmitten dieser Glücksgefühle eine andere Sichtweise geben? Stefan Bolde-Müller ist in der Nähe der Grenze aufgewachsen. In seiner Fastenpredigt erzählt er davon, wie er gemeinsam mit anderen Jugendlichen, die in seiner Heimatgemeinde aktiv waren, nach der Christmette zusammensaß und sie gemeinsam überlegten, wie die Grenze wieder aufgebaut werden könnte. Die Jugendlichen hatten die Erfahrung gemacht, dass die Innenstädte voll und die Regale in den Geschäften leer waren. "Wildfremde Menschen stellten Ansprüche, die meinen persönlichen Lebenswandel betrafen", erinnert sich Stefan Bolde-Müller. Damals wurde ihm deutlich, wie wichtig der Umgang mit persönlichen Grenzen ist, denn sie "geben uns Sicherheit und Geborgenheit. Jeder Mensch braucht diesen Intimbereich." Und: "Jeder Mensch [...] hat ein Recht auf die Unversehrtheit dieses Bereiches". Da die persönlichen Grenzen nicht sichtbar sind, seien sie auch sehr individuell ausgeprägt. Das, was jemand als Grenzverletzung empfindet, ist für jemand anders ganz normal. Stefan Bolde-Müller brachte diesen Gedanken in Zusammenhang mit der Ausstellung "Augen auf!". Bei der Station "Übergriffig oder nicht?" werden Situationen beschrieben und die Betrachter sind eingeladen, eine persönliche Wertung abzugeben. "Keine der Situationen wurde von den Besuchern eindeutig als Grenzverletzung oder nicht eingeordnet. Daher ist es wichtig, dass wir uns sensibilisieren, dass wir achtsam miteinander umgehen und unser Gegenüber mit seinen Ängsten ernstnehmen." Immer wieder würden persönliche Grenzen verletzt, stellte Stefan Bolde-Müller fest. Oft geschehe das aus Unachtsamkeit, ohne böse Absicht, aber immer wieder erfolgten diese Grenzverletzungen auch bewusst mit dem Ziel, Menschen zu verletzen, zu erniedrigen. "Es geht darum Macht über andere auszuüben. Dies passierte in der Vergangenheit und passiert immer noch in allen Teilen der Gesellschaft. In der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, dem Verein und leider auch in der Kirche." Die gemeinsame Aufgabe aller, die sich in und für Kirche engagieren, sieht Stefan Bolde-Müller in der Unterstützung von Menschen, die das erleiden mussten und müssen: "So ist es unsere Aufgabe für diese Menschen da zu sein, sie in ihrer Angst ernst zu nehmen und dort wo es uns möglich ist, ihnen zu helfen, ihre persönlichen Grenzen wieder aufzubauen. [...] Denn nur wenn unsere persönlichen Grenzen gewahrt bleiben, wenn unser Freiraum respektiert wird und wir angstfrei leben können, sind wir in der Lage gesellschaftliche Grenzen zu überwinden. Nur dann können wir das hervorheben was uns verbindet und gemeinsam unseren Glauben leben." Am Ende seiner Fastenpredigt kam Stefan Bolde-Müller noch einmal auf Weihnachten 1989 zurück und erzählte, dass die damaligen Jugendlichen natürlich nicht in einer "Nacht-und-Nebel-Aktion" die Grenze dicht gemacht hätten. Vielmehr sei das gegenseitige Verständnis gewachsen und mit der Zeit seien sogar Freundschaften entstanden.

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