01. November 2018

Re-Form: In die rechte Form als Christ kommen

Vier Punkte hat Pfarrer Dirk Jenssen in seiner Predigt zum Reformationstag in der Bad Harzburger Lutherkirche in den Blick genommen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Schon ganz früh hat Propst Höfel diesen Termin mit mir abgemacht, als das 500. Jubiläum gerade vergangen war. Im Braunschweiger Dom hat heute Morgen mein neuer Bischof Heiner Wilmer gepredigt. Dankeschön, dass ich heute bei Ihnen sprechen darf - hoffentlich ist Ihnen das nicht zu katholisch.

Nun haben wir sogar einen staatlichen Feiertag, um der Reformation zu gedenken und kaum einer merkt es - könnte man meinen: Draußen ziehen die Kinder durch die Straßen und spielen Halloween. Unsere jüdischen Väter und Mütter im Glauben sind verärgert, dass dieser Tag hier in Niedersachsen durch einen gesetzlichen Feiertag geadelt wurde. Darauf antworten wir klar: Nein, nicht die Meinung Martin Luthers über die Juden steht heute im Blick. Auch nicht die Katholiken, die lieber den Buß- und Bettag als Feiertag gehabt hätten.

Ihr Hiersein belegt heute: Wir sind in der Gegenwart angekommen und vergewissern uns unseres Ursprungs. Wir stehen für viele, denen es nicht egal ist, wie die Zukunft wird. Wir möchten sie christlich gestalten! Deshalb schauen wir aufs Fundament. Es geht ums Fundament, auf dem wir Glaubenden stehen: Jesus Christus!

  1. Wie zu allen Zeiten brauchen wir Christen die Fähigkeit, auf Gottes Wort zu hören und darin zu lesen. In so manchem konfessionell-gemischtem Gespräch weise ich darauf hin, dass es in einem evangelischem Haushalt früher hieß: "Wo eine Bibel zuhause aufgeschlagen liegt, da ist die Hoffnung noch nicht verloren. "Ja, gerade wir Katholiken brauchen die Heilige Schrift nicht nur im Bücherschrank, sondern sollen ermutigt werden, darin zu lesen. Denn es braucht Inspiration im geistlichen Leben, sonst verarmt es. Insofern sehe ich es auch als ökumenische Aufgabe an, zu einer neuen Bibelleselust oder auch Bibelfrömmigkeit zu finden. Von Ihnen als Evangelische habe ich manches gelernt: So, dass heute unsere katholischen Firmbewerber schon zu Beginn eine Bibel geschenkt bekommen und der ganze Firmkurs biblisch genutzt wird. Unsere Kommunionfamilien bekommen auch eine Familienbibel und versuchen jeweils neu, das Wort Gottes auf ihr Leben hin zu befragen. Danke, dass Sie uns dazu inspirieren.
    Wichtig beim Neuentdecken der Heiligen Schrift ist mir geworden, dass ich selbst und auch wir zusammen ganz ohne Arroganz die Bibel betrachten. So zitiert Jesus in Johannes 6 den Propheten Jesaja: "...und alle werden Schüler Gottes sein". Die Leute spüren ganz genau, ob wir auf Augenhöhe oder belehrend mit ihnen Gottes Wort betrachten. Es geht um eine neue Art von Entdeckungsreise und Entdeckungsmentalität. Mich beeindrucken dabei besonders diejenigen, die gerade hier in ehemaliger Grenznähe, neu nach Gott fragen. Sich mit ihnen auf den Weg zu machen, macht mir wirklich Freude. Da werde ich im Gespräch mit ihnen selbst zum Schüler im Glauben.
  2. In der Offenbarung des Johannes heißt es in 21,5 "Siehe ich mache alles neu". Das ist eine große, für mich auch entlastende Aussage. Die Erneuerung ist eben Gottes Sache mit uns! Nicht wir sind der Motor. Wenn wir der Motor der Erneuerung sind, dann ist der Motorschaden schnell da. Oder jedenfalls eine Ermüdung oder auch Überforderung, wo es dann Kurskorrektur braucht.
    Deshalb müssen wir uns neu mit Gott befassen. Okay - kann man dann sagen: wir reden doch schon die ganze Zeit über Gottesvorstellungen oder Gottes Gedanken. Ich meine es muss tiefer gehen. Der Mut von Gott zu reden: ganz konkret. In den letzten Jahrzehnten haben wir vor allem immer darüber diskutiert, dass es ein abwesender Gott ist, um den es geht. Ich glaube das ist eine Spur, die man zwar denken kann, die aber nicht weiter führt. Statt vom abwesenden Gott zu sprechen, sollten wir vielmehr vom verborgenen Gott sprechen. In diesem Gedanken ist viel mehr Liebesgeschichte drin, wie eben im alttestamentlichen Buch vom "Hohen Lied der Liebe" auch.
    Dieser Gott, dem wir nachfolgen, ist zwar vielfach nicht gleich zu entdecken, aber Er will gesucht werden, wie beim Versteckspiel von Liebenden. So einen Gott zu suchen und zu finden, das macht es für mich und für andere spannend. Dieser Gott ist für unser Gefühl abwesend, aber verborgen gegenwärtig. Das ist eine ganz andere Blickrichtung, weil der verborgene Gott gegenwärtig ist und um Seine Präsenz in der Welt geht es doch für uns Christen!
  3. Natürlich kann Denken ein Genuss sein, gerade aber am Reformationstag wird uns bewusst, dass es nicht darum geht, nur zu denken in einem gewissen Heilsegoismus, wo es nur um mich geht. Wo Denken auf Glauben stößt, da muss ich hinein in diese Welt, die Gott gehört. Da wird der Schrei auch der ganzen belebten Schöpfung deutlich. Der Glaube trifft auf reale Menschen mit realer Not. Durch den Glauben muss ich mich hinaus wagen in diese Welt, die Gott gehört. Glaube wird da in der Liebe wirksam, wie Paulus betont. Glücklich war ich, als ich las, dass ihre Leseordnung heute die Seligpreisungen in Matthäus 5 vorsieht. Ganz konkret wird da Heil angekündigt: "Selig seid ihr!" Jetzt schon fängt die "Communio sanctorum" an, für alle, die vielleicht jetzt noch trauern. "Communio sanctorum" ("Gemeinschaft der Heiligen") heißt auch der bedeutende ökumenische Text, der uns vor einigen Jahren ökumenisch geschenkt wurde. Das ist unsere Zukunft, die hier schon anfängt. Wir werden diesen Text morgen an unserem Allerheiligentag auch lesen. Da wird dann die Rede sein von allen Heiligen, ob sie nun an der Aldikasse sitzen oder woanders ihren Glauben leben. Glauben ist also konkret von Menschen mit Menschen und ihren Nöten her zu sehen.
  4. Einen letzten Gedanken möchte ich aus meiner Perspektive heute ansprechen: Jesus als unser Fundament ist universal in dieser Welt gegenwärtig. Der Glaube an ihn und seine einmalige Verbindung zum Vater. Die Vielfalt der Glaubenden, die sich in Jesus Christus zusammenfinden, ist immer wieder gefährdet. Wir betonen zwar immer wieder unsere Gemeinsamkeiten hier vor Ort, aber die Ökumene Gottes ist natürlich immer noch größer. Nicht nur lutherisch und katholisch, sondern auch orthodox und anglikanisch und noch mehr. Deshalb wird es auch heute und morgen immer wieder wichtig sein, sich für den anderen zu interessieren. Der ganze Leib Christi ist nicht ein Projekt einer Kirche, sondern ein Projekt Gottes. So möchte ich heute besonders den Blick auf unsere orthodoxen Geschwister richten, die durch den Konflikt in der Ukraine auch kirchlich in schweres Fahrwasser gekommen sind. Reformation braucht auch immer einen Blick über den Tellerrand. Es darf uns nicht egal sein, wenn andere in Spannungen leben. Das Schlagwort von Einheit in der Vielfalt kann blutleer werden, wenn alle so vielfältig sind, dass sie sich nicht mehr füreinander interessieren.

Liebe evangelische Geschwister, in vier Gedanken habe ich mir den Gedanken der Re-Form, also des in die rechte Form als Christen zu kommen, heute zurechtgelegt:

  1. Gottes Wort als Schüler wieder neu zu lesen
  2. Sich mit Gott neu zu befassen, als dem Verborgenen, der gesucht werden will
  3. Unser Glaube muss zu den Menschen finden besonders, zu denen in Not.
    Und schließlich:
  4. Christliche Vielfalt braucht Interesse für andere Glaubensgeschwister.

Pfarrer Dirk Jenssen
(Es gilt das gesprochene Wort.)

Ein Gebet zum Schluss:

Gebet um die Einheit der Christen

Wir tragen deinen Namen, Herr Jesus Christus,
doch wir gehören zu verschiedenen Kirchen.
Wir hören dein Wort,
doch wir verstehen und deuten es nicht einheitlich.
Wir brechen dein Brot,
doch wir versammeln uns nicht am gleichen Tisch.

Lass deinen Geist in uns lebendig werden,
dass er uns auf den Weg aller Christen führt.
Dass du uns verbindest, das ist stärker als alles,
was uns trennt.
Lass uns weiterhin beharrlich aufeinander hören
und die Nöte der anderen achten.

Wir sind dankbar für die ökumenische Gemeinschaft
in unserem Land und in unserer Stadt,
für den langen Weg,
den wir bereits miteinander gegangen sind.
Du sammelst uns, Herr,
damit wir in dieser Welt
ein Zeichen deiner Versöhnung sind.

Hilf uns Trennungen zu überwinden
und zum nächsten Schritt aufeinander zu,
hin zu der Gemeinschaft aller Getauften
an dem einen Tisch, heute und in Ewigkeit.

Amen.


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